„Ich weiß, dass ich nichts weiß”
Früher habe ich sie mit meiner Mutter geteilt, heute gönne ich mir die ZEIT eher selten. Weil ich fürchte, die Hälfte ohnehin nicht zu schaffen und dass die tolle Zeitung dann schlecht wird. Neulich vor einer Zugfahrt habe ich mir mal wieder eine Ausgabe gekauft – und einen Volltreffer gelandet.
In seinem Artikel “Christoph, wo bist du?” über den Universalkünstler Christoph Schlingensief schreibt Florian Illies: „In der ängstlichen Konsenskultur von heute wäre einer wie er gar nicht mehr ertragbar.“ Sag ich doch!
Konsens kann sich gut anfühlen. Schneller, als einem lieb ist, produziert er allerdings Langeweile und Humorlosigkeit, Selbstzensur und Ängstlichkeit. Vor allem dann, wenn er indirekt verordnet wird. Igitt!
Abwägen und offen bleiben
Weiter heißt es in dem Artikel: „Schlingensief war nie jemand, der auf Situationen reagiert hat, indem er Positionen bezog. Er hat Situationen geschaffen, in denen Positionen erst entstehen mussten.“
Ist das nicht fantastisch? Wer permanent Positionierung fordert, setzt auf manipulative Weise voraus, dass jeder Mensch zu jeder Zeit lückenlos über alles informiert sein kann, zu dem er Stellung beziehen soll. Das ist natürlich unmöglich. Selbst wenn ich mich noch so gut informiere, möchte ich weiter zweifeln, abwägen und offen bleiben dürfen. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille sowie Details, die ich nicht kenne, übersehen oder überhört habe.
Deswegen pflege ich gerne Sokrates’ berühmten Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Obwohl ich – zugegeben – gleichzeitig glaube, dass ich eigentlich ganz schön viel weiß, weil ich mich für unheimlich vieles interessiere. Aber viel, viel mehr weiß ich eben nicht. Und dann frage ich nach.
Brüche, Widersprüche und Humor
Nach genau diesem Prinzip – „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – werde ich künftig die Gäste auswählen, die in meiner Talkshow „Katjas Welt – live und hautnah“ auf dem goldenen Sofa Platz nehmen. Es soll nicht in erster Linie darum gehen, wessen Meinung mir passt, wen ich verstehe oder auf Anhieb mag. Ich möchte auch Neues kennenlernen.
Sicher, im Alltag wird es ohne Schubladen ziemlich anstrengend, wir brauchen sie zur Orientierung. Aber die zwei Stunden der Show sollen eine Zeit sein, in der in ungezwungenem Rahmen die unterschiedlichsten Perspektiven Gehör finden – ein Raum, in dem auch Platz für Freude, Leichtigkeit und Humor ist. Alle Erfahrungen dürfen und sollen in der Pause oder nach der Show gerne von euch weiterdiskutiert werden!
Folglich lade ich auch Menschen ein, deren Werte oder politische Meinung ich nicht ganz teile oder deren Verhalten mich zunächst irritiert. Mich interessieren die Brüche und Widersprüche, die jeder in sich trägt. Befrage dich selbst!
Möglicherweise hole ich mir mit dieser Offenheit ab und zu eine blutige Nase. Das wäre es mir absolut wert.
P.S.: Die nächste Folge von “Katjas Welt – live und hautnah” findet am Donnerstag, 2. Juli, in Würzburg statt.