Heute ist die Zwiebel geschält: vom Verstecken und Auftauchen

„Wo waren Sie denn die ganze Zeit? Vor zwei Jahren sind Sie hier in Würzburg plötzlich aufgetaucht.“

Das fragte mich im Frühjahr ein potentieller Sponsoringpartner für meine neue Würzburger Talkshow „Katjas Welt – live und hautnah“, ein sympathischer Mann mit hoch entwickelter Gesprächskultur.



Damit lag er falsch – und völlig richtig. Digital war ich zu diesem Zeitpunkt erst seit zwei Jahren auf Instagram aktiv, analog hatte ich mich jahrelang erfolgreich versteckt: vor anderen und vor mir selbst. Obwohl ich in Würzburg studiert und danach viele Jahre als bissige Kulturrezensentin für die Tageszeitung geschrieben hatte, wusste kaum jemand, wer ich wirklich bin. Nicht einmal ich selbst. Fest an meiner Seite stand mein Perfektionismus, der zwar Höchstleistungen ermöglichte, mich aber viel öfter lähmte.



Während ich andernorts für journalistische und dramaturgische Aufgaben gebucht wurde, befand ich mich zu Hause im Würgegriff familiärer Konventionen. Bis plötzlich alles auf einmal kam.


Angestoßen durch eine Freundin, machte ich mit 36 Jahren einen IQ-Test an der Uni. Das Ergebnis: Hochbegabung. Ein lebenslanges Gefühl des Fremdseins hatte plötzlich einen Namen. Mein zaghaftes „Outing“ im Freundeskreis endete allerdings mit einer Bauchlandung, ich spürte Dünkel und Distanz. Das würde ich so heute nicht mehr machen. Kurz darauf klopfte Corona an, mit einem großzügigen Paket sozialer Isolation und – als freie Kulturschaffende – einem halben Jahr staatlicher Grundsicherung. In dieser Zeit fand die Bildende Kunst ihren Weg zurück in mein Leben und schloss die Lücke zwischen Journalismus und Pädagogik.



Mitten in der Pandemie starb meine Mutter. Auf der Palliativstation lag ich neben ihr, wenige Tage später stand ich wieder auf der Bühne – weil niemand da war, der mich aufgefangen oder vertreten hätte. Rückblickend beäuge ich diese seltsamen Kräfte mit ungläubigem Staunen.

Zum großen Befreiungsschlag setzte ich ein Jahr später an: Ich erteilte destruktiven Familienstrukturen die endgültige Absage und ging auf Distanz, um mit über 40 endlich atmen zu können. Das war nicht leicht, ich zweifelte viel. Aber Schritt für Schritt ließ ich mein altes Leben hinter mir – im Sauseschritt, wenn man es recht bedenkt. Ich beendete ungesunde Beziehungen, knüpfte neue Kontakte und durchlief ein intensives Gruppencoaching für Kreativschaffende. 



Heute ist die Zwiebel geschält, meine Persönlichkeit kann voll zum Tragen kommen. Ich bin ein vielbegabter Mensch, auf Tuchfühlung mit Sprache und Musik, Kunst und Tanz, Psychologie und Botanik, Aromen und Texturen. Aus dieser Neugier speist sich auch mein neues Talkformat.
Es ist das Produkt einer 1,58 m großen Frau, die aufgehört hat, sich kleiner zu machen, als sie ist.

Nächster Termin:
Donnerstag, 02. Juli, 19.30 Uhr, Neubaustraße 42/Hörleingasse 2, Würzburg

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